Unterricht unter besonderen Bedingungen


Kein Zweifel, Unterricht an Förderschulen hat den gleichen Auftrag, wie ihn Unterricht an jeder anderen Schuler hat: Schülerinnen und Schüler dem Ziel einer Schule – oder sprechen wir hier schon einmal genauer vom Bildungsgang – so nahe wie möglich zu bringen. Im Normalfall bedeutet dies – eigentlich genau so selbstverständlich – dieses Ziel zu erreichen: Unser Schulgesetz nennt sie im § 12 und § 20  wie folgt:

§ 12 Sekundarstufe I
...
„(2) Die Bildungsgänge der Sekundarstufe I enden mit Abschlüssen. Abschlüsse
sind
1. der Hauptschulabschluss und ein ihm gleichwertiger Abschluss,
2. der Hauptschulabschluss nach Klasse 10 und ein ihm gleichwertiger
Abschluss,
3. der mittlere Schulabschluss (Fachoberschulreife), der mit der Berechtigung
zum Besuch der gymnasialen Oberstufe verbunden sein kann.

(3) Der Hauptschulabschluss nach Klasse 10 und der mittlere Schulabschluss
(Fachoberschulreife) werden an der Hauptschule, der Realschule
und der Gesamtschule in einem Abschlussverfahren erworben, das sich
aus den schulischen Leistungen in der zehnten Klasse und einer Prüfung
zusammensetzt. Für die schriftliche Prüfung werden landeseinheitliche
Aufgaben gestellt.“

§ 20   Orte der sonderpädagogischen Förderung

 (4) Die sonderpädagogische Förderung hat das Ziel, die Schülerinnen und Schüler zu den Abschlüssen zu führen, die dieses Gesetz vorsieht. Für den Unterricht gelten grundsätzlich die Unterrichtsvorgaben (§ 29) für die allgemeine Schule sowie die Richtlinien für die einzelnen Förderschwerpunkte. Im Förderschwerpunkt Lernen … werden die Schülerinnen und Schüler zu eigenen Abschlüssen geführt. Im Förderschwerpunkt Lernen ist der Erwerb eines dem Hauptschulabschluss gleichwertigen Abschlusses möglich.

Das Ziel ist also klar formuliert. Der Weg dorthin ist für jede Schülerin und jeden Schüler anders, individuell schwierig. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen, das soziale Umfeld, biografische Chancen und Belastungen usw.

Betrachten wir hier den Unterricht an einer Förderschule so wird von vornherein klar, dass nur der Blick auf das einzelne Kind, den einzelnen Jugendlichen zeigen kann, welche individuellen Hilfen erforderlich sind, eines der oben genannten Ziele zu erreichen.



Und noch etwas kommt hinzu: individuell ausgerichtete Förderung kann doch nur das Ziel haben, einen Schüler oder eine Schülerin so weit zu fördern, dass Erfolge auch (wieder) in größeren Klassenverbänden erreicht werden!


Allein, all diese Überlegungen sind nur zu legitimieren, wenn ausschließlich das einzelne Kind im Focus steht. Seine aktuellen Bedürfnisse bestimmen Art und Umfang der Hilfen. Nur, wenn diese früh und alle Partner einbeziehend greifen, können traurige Schulbiografien in ihrer Anzahl deutlich reduziert werden.

Zurück zum Unterricht:

Als zentrale Aufgabe auch der Heinrich-Neumann-Schule steht der Unterricht.

Nur häufig sind fehlende Voraussetzungen emotionaler und sozialer Art – oft in Verbindung mit einem Förderbedarf „Lernen“ – notwendigerweise zunächst zu schaffen, damit Unterricht erfolgreich sein kann.

Also gilt es zunächst zu klären, ob die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht vorhanden sind, welche gut ausgebildet sind, an welchen Stellen besondere Förderungen (nicht nur in der Schule) notwendig sind. Entscheidend ist aber die Frage nach dem, was das Kind oder der Jugendliche besonders gut kann. Nur hier liegen Ansatzpunkte für eine erfolgreiche sonderpädagogische Förderung.

Dies alles wird wesentlich im Vorfeld der Beschulung an der Heinrich-Neumann-Schule in einem durchaus aufwändigen Verfahren geklärt, an dem u.a. die Eltern, Lehrer, Therapeuten und viele andere Menschen beteiligt sind, die das Kind oft besser kennen, als die Lehrkräfte, die mit der Durchführung dieses Verfahrens beauftragt wurden. Denn je detaillierter die Kenntnis der (Lern)biografie ist, desto präziser können die nächsten Schritte für den Unterricht geplant werden.

Auch diese Planung geschieht in enger Abstimmung mit den Eltern. Das bedeutet auch für die Eltern, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen; sich (wieder) aktiv in die schulische Entwicklung des Kindes einzuschalten.

Das gelingt nicht immer; oft sind die Erfahrungen, die Eltern mit ihren Kindern gemacht haben so, dass nur Resignation und Sprachlosigkeit vorhanden sind (keine Frage, das gilt auch aus der Perspektive des Kindes!). Dann müssen immer wieder neue Ansätze geplant und ausprobiert werden, damit der Weg hin zum Unterricht endlich frei wird!

Bedenkt man dies alles und plant Unterricht, der ja normierte Ziele hat, so wird klar, dass die Förderschule mit dem Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung ausgesprochen flexibel auf die sich oft ändernden Voraussetzungen reagieren muss. Nur so kann die Balance von individueller Förderung und angemessener Forderung gewahrt bleiben.

Im Primarbereich werden wir zwei Lerngruppen haben, die jeweils die Klassen eins bis vier umfassen. So haben die Kinder in altersheterogenen Gruppen die Chance, ihre soziale Kompetenz direkter zu entwickeln, als dies in vier altershomogenen Klassen der Fall wäre. Als Folge stehen jeder Klasse deutlich mehr Lehrerstunden zur Verfügung, Damit kann die individuelle Hilfe im Klassenverband sicher punktgenau gesetzt werden! Ergänzend kommt hinzu, dass wir fast ausnahmslos Schülerinnen und Schüler im Bereich der Grundschule haben, bei denen die Eltern einen erhöhten Bedarf an Hilfen bei der Erziehung ihrer Kinder haben. Unsere Antwort auf diesen Anspruch heißt KIZ („Kinder im Zentrum“ / Offene Ganztagsgrundschule – ein Angebot der Caritas und der Heinrich-Neumann-Schule).

Weil es ein Ziel der Schule ist, möglichst für alle schulpflichtigen Kinder (für die dies sinnvoll ist!) einen Schulplatz wohnortnah anzubieten, haben wir in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und dem Verein „Leben Lernen e.V.“ die kleine Gruppe IGEL (Integrative Gruppe Erziehen  und Lernen) eingerichtet, in der eine Lehrerin, ein Lehrer, ein Diplomsozialpädagoge und eine Erzieherin von morgens 8.30 Uhr bis 16.00 Uhr weit weg vom Schulgebäude in der Naturschule Grund Unterricht gestalten, gemeinsam den Tag gestalten, das Umfeld intensiv erleben.  

 

Und wenn dann nach einer Zeit an der Förderschule alles so läuft, wie es sich Eltern, Lehrer und nicht zuletzt die Kinder wünschen?

Ja klar, dann starten wir an einer ganz normalen Schule! Die Lehrerinnen und Lehrer der Heinrich-Neumann-Schule nehmen wieder Kontakt zu einer für das Kind wahrscheinlich geeigneten Schule auf, sie sprechen mit Schulleitungen und Klassenlehrern. Schließlich wird in einer „großen Runde“ noch einmal geschaut, ob die Voraussetzungen für eine weitere erfolgreiche Schullaufbahn gegeben sind. Ist das der Fall, dann findet der Wechsel statt. Die ehemaligen Klassenlehrer stehen natürlich immer noch als Ansprechpartner für die Schüler, Eltern und „neuen“ Lehrer bereit.

Fast alle Kinder, bei denen Eltern, die beteiligten Schulen und die Kinder als Schüler die Einschätzung hatten, dass der Wechsel gelingen kann, sind nach wenigen Monaten völlig im System ihrer „neuen“ Schule integriert.

Und wenn es dann wirklich einmal nicht klappt? Dann bedeutet dies, dass sich Eltern und Schulen in ihrer Einschätzung geirrt haben, Sie haben eine offenbar falsche Entscheidung getroffen; nicht das Kind hat versagt!

Viel problematischer ist es, wenn Schülerinnen und Schüler erst im 5., 6., 7. oder gar 8. Schuljahr zu uns kommen. Sie haben eine Lerngeschichte hinter sich, deren Inhalte oft von Begriffen wie „versagen“, „nicht können“, „Aggressivität“, „Faulheit“ begleitet ist. Wer nur lange genug als Schüler so etikettiert wird, der glaubt am Ende selbst, dass er der Versager, der „Nichtskönner“, der „Aggressive“, der „Faule“ ist.

Und dieses Selbstbild zu korrigieren, Stärken zu entdecken, Ziele zu entwickeln und letztlich auch ein Stück Lebensplanung gemeinsam in den Blick zu nehmen, das erfordert Mut vor allem auf Seiten der Jugendlichen und unendlich viel Kraft und Können, um die jahrelang „eingebrannten“ negativen Muster zumindest in ihrer Wirkung zu reduzieren.

Deshalb suchen wir mit oft detektivischer Akribie die starken Seiten unserer Schülerinnen und Schüler. Die entdecken wir nur selten im Klassenraum! Wenn aber in der nachmittäglichen Betreuung Pümb sichtbar wird, was Fritzchen so schnell auf einhundertfünfzig bringt, wenn sichtbar wird, dass Paulchen Angst vor Dingen hat, deren Wirkung er nicht kennt, dann können daraus sofort Rückschlüsse für den Unterricht gezogen werden. Und wenn wir sehen, dass besagtes Fritzchen unendlich viel Geduld und Ausdauer beim Lösen einer schwierigen Knobelaufgabe am Rechner aufbringt und Paulchen im Wald sein reiches Wissen über Schnecken und anderes Getier preisgibt, dann sind dies die positiven Anknüpfungspunkte, die letztlich zu einem belastbaren Netz verbunden werden können.

Genau aus diesen Gründen haben vielfältige pädagogische Angebote in der Schularbeit einen so hohen Stellenwert.

Aber – auch das gehört zur Wirklichkeit – trotz aller Bemühungen erreichen wir nicht alle Jugendlichen. Diese Obergrenze der Belastbarkeit einer Schule zu erleben ist schmerzhaft, aber Bestandteil der Lebenswirklichkeit. Allein, wir geben keinen Menschen auf! Wenn die Heinrich-Neumann-Schule nicht der richtige Förderort ist, dann suchen möglichst alle Beteiligten nach einem besseren und passenderen Weg.

Zum Ende der Schulzeit hin stellt sich – wie an jeder Schule – die Frage nach dem zu erreichenden Abschluss. Diese Frage wird von Seiten der Schule so ehrlich wie möglich beantwortet, gilt es doch mit dem letzten Zeugnis sich immer wieder vorstellen und bewerben zu müssen. Was hilft da ein „geschenkter“ Abschluss? Spätestens der erste Chef und der erste Lehrer im Berufskolleg merken, dass der „zwei“ in Mathe auf dem Zeugnis keine gute Leistung entspricht. Ob dieser Chef noch einmal einem Schüler unserer Schule eine Chance geben würde? Wohl kaum.

Und deshalb müssen die Schülerinnen und Schüler der letzten Klassen sehr wohl dazu stehen, dass sie z.B. in Mathematik ein „mangelhaft“ auf dem letzten Zeugnis haben, aber in Deutsch oder Biologie „befriedigend“.

Auch das ist Lebenswirklichkeit!

Je mehr sich die Schulzeit dem Ende nähert wird es wichtig, „die Zeit danach“ in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Neben Praktika in allen denkbaren Variationen und dem neuen Fach „Leben Lernen“ als erweiterter Berufwahlorientierung  die schon früh in die Schulzeit eingebunden werden, und die einen festen Bestandteil des Schulprogramms bilden, werden Jugendliche, die in unterrichtlichen Inhalten keine Bedeutung mehr sehen, oder solche, die aus oft nicht mehr nachvollziehbaren Gründen erst in ihrem neunten oder gar zehnten Schulbesuchsjahr zu uns kommen, in einer eigenen Klasse, der „WerkStadtklasse“ gefördert. Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie es den beteiligten Lehrern gelingt, Reste von Motivation und Selbstvertrauen bei ihren Schülern zu finden, diese zu pflegen und schließlich in vielen Fällen wieder in Richtung Schule und Unterricht zu lenken. Aber auch dies ist ein eigenes Kapitel mit eigener Geschichte.

Wenn im allgemeinen Schulwesen nun der Blick auf Individualisierung der Förderung gerichtet ist, dann ist das gut. An der Heinrich-Neumann-Schule ist es seit der Gründung allerdings das Prinzip der Wahl.

Die Schule muss sich dem Kind und Jugendlichen anpassen und auf der Folie der gültigen Bildungsgänge und Lehrpläne Wege und Verfahren aufzeigen, die Erfolg versprechen. Nur so gelingt Unterricht unter besonderen Bedingungen.